Am 26. März organisierte die Schleswig-Holsteinische Rechtsanwaltskammer eine Podiumsdiskussion in Kiel zum Thema „Verzerrte Wahrnehmung der inneren Sicherheit“. Die Veranstaltung befasste sich mit der Kluft zwischen tatsächlicher und empfundener Kriminalität.
Teilnehmer der Diskussion
Die Panelisten waren Professor Dr. Thomas Feltes (Jurist und Polizeiwissenschaftler), Professor Dr. Thomas Kliche (Bildungsforscher, Politologe und Psychologe), Jan Kürschner (Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags) und Steffen Russ (Leiter der Abteilung Internationale Zusammenarbeit im Bundeskriminalamt). Burkhard Plemper moderierte als Soziologe und ehemaliger NDR-Moderator.
Zwischen Statistik und Stimmungslage
Russ betonte: „Deutschland ist ein sicheres Land“, basierend auf neuen Kriminalitätszahlen. Dennoch zeigen sich erhebliche Diskrepanzen zwischen statistischen Daten und subjektivem Sicherheitsempfinden. Eine Bochumer Studie verdeutlichte dies: Während tatsächliche Überfallviktimisierung minimal war, fürchteten sich Befragte mit einer bis zu 50-mal höheren erwarteten Wahrscheinlichkeit vor zukünftigen Angriffen. Feltes verwies auf ein extremes Missverhältnis zwischen gefühlter Sicherheit und Realität, was manche als „German Angst“ bezeichnen.
Politik zwischen Gefühl und Fakten
Kürschner argumentierte, dass politische Entscheidungen sowohl faktengestützt als auch unter Berücksichtigung subjektiver Bedenken getroffen werden sollten. Kliche identifizierte ein komplexes psychologisches Problem: Medienereignisse wie Terroranschläge verstärken Ängste unverhältnismäßig und erzeugen unrealistische Sicherheitserwartungen. Populistische Bewegungen exploitieren diese Dynamiken gezielt.
Stereotype und soziale Projektion
Ein zentrales Thema war die mediale Darstellung von Ausländerkriminalität. Feltes beobachtete, dass sich Ängste zunehmend auf diesen Bereich konzentrieren, trotz ungünstiger Kriminalitätslage. R+V-Versicherungsstudien zeigten, dass Ängste vor Armut und Pflegebedürftigkeit verbreiteter sind als Kriminalitätsfurcht, letztere aber stärker politisiert wird.
Kürschner wies auf statistisches Ungleichgewicht hin: Bei Messerangriffen liegt der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger bei etwa 45 Prozent gegenüber einem Bevölkerungsanteil von rund 10 Prozent. Russ betonte jedoch demografische Faktoren: Alter, soziale Situation und gesellschaftliche Integration seien entscheidender als Herkunft. Junge Männer stellen unabhängig von Herkunft die größte Täter- und Opfergruppe dar.
Vertrauen in den Staat stärken
Kliche sah wachsende Kriminalitätsfurcht als Symptom tieferer gesellschaftlicher Unsicherheit. Jede Krise verstärke die Sehnsucht nach autoritärer Führung und Abschottung. Diese Entwicklung schwäche Zusammenhalt und Demokratie; populistische Internetkanäle verstärken diese Tendenzen.
Feltes warnte vor Vertrauensverlust gegenüber Rechtsstaatlichkeit. Viele Bürger empfinden institutionales Versagen. Wirksame Prävention und funktionsfähige Sozialräume seien bessere Lösungen als Symbolpolitik.
Lokale Prävention als Schlüssel
Russ präsentierte ELSA, ein vom BKA entwickeltes evidenzbasiertes Analysetool für lokale Sicherheit. Es hilft Kommunen, Brennpunkte zu identifizieren. Stadtplanung, Schulstrukturen und Vereinsleben beeinflussen nachweisbar Kriminalität und Sicherheitswahrnehmung.
Beide Experten forderten Stärkung kommunaler Strukturen, Nachbarschaftsnetzwerkförderung und lokale Polizeipräsenz.
Fazit
Die Diskussion zeigte: Innensicherheitsdebatten transzendieren bloße Zahlenanalyse. Zentral sind Vertrauen, gesellschaftlicher Zusammenhalt und demokratische Verantwortung. Weder isolierte Fakten noch irrationale Ängste genügen; erforderlich ist rationaler, evidenzgestützter Umgang mit Unsicherheitsursachen und Stärkung demokratischer Widerstandskraft auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

